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Lektor bei einem juristischen Verlag

Die steigende Zahl von Juristen auf dem Arbeitsmarkt macht ein Umdenken für die Absolventen eines Studienganges nötig, der einst eine fast sichere Aussicht auf einen gut bezahlten und abwechslungsreichen Beruf in den geordneten Bahnen von Justiz und Anwaltschaft garantieren konnte. Frank Michel beleuchtet hier ein etwas abseits dieser ausgetretenen Pfade liegendes Berufsbild.

Seit für die Absolventen des Studiengangs Jura beim Start ins Berufsleben immer häufiger der Gang zum Arbeitsamt der erste Schritt ist, gilt es, neue Wege zu gehen, um den Traumberuf doch noch zu ergattern. Dies bedeutet aber nicht auch notwendig das Ergreifen eines fachfremden Berufes: Auch am Rande der Juristerei blühen Orchideen in Form von exotischen Berufsbildern, weiß Stefan Simonis, Lektor bei der NOMOS-Verlagsgesellschaft in Baden-Baden. Was lag näher, als den Berufsalltag und das Berufsbild eines Juristen näher zu beleuchten, der bei dem Verlag beschäftigt ist.

Welche Interessen und Schwerpunkte Ihres Studiums waren für Ihre Berufswahl entscheidend?
»Meine Studienschwerpunkte waren das Arbeits- und Sozialrecht, die Rechtsphilosopie und das Strafrecht. Diese Gebiete spiegelten für mich die Lebenswirklichkeit wieder, gerade im Bereich des damals noch wenig normierten Arbeitsrechts. Das gleiche gilt für das Strafrecht. Es interessierte mich immer, wenn sich die Möglichkeit zu einem Blick über den Tellerrand der Juristerei hinaus bot. Aber auch meine literarische Ambition, wenn Sie so wollen das Interesse für Bücher, waren ausschlaggebend.«


Welche Fachkenntnisse und sonstigen Qualifikationen erwartet ein juristischer Verlag von einem Lektor?
»Hinsichtlich der Fachkenntnisse muß man zunächst unterscheiden, ob der entsprechende Verlag mehr die wissenschaftliche oder mehr die praktische Sparte juristischer Literatur abdeckt. In einigen Verlagen werden besondere Fachkenntnisse in einem speziellen Bereich verlangt. In diesen Verlagen arbeitet der Lektor dann ausschließlich in dem Bereich, für den er die fachliche Spezialqualifikation besitzt, also etwa das Strafrecht. Hier bei NOMOS arbeite ich eher in Form eines Querschnittslektorats, was bedeutet, daß ich beispielsweise ganze Bücherreihen zu betreuen habe, also entsprechend themenübergreifend arbeite.
Natürlich sind Fachkenntnisse im Bereich des Verlags- oder Wettbewerbsrechts nicht hinderlich; sie sind jedoch zunächst nicht ausdrücklich erforderlich, denn wie bei allen Berufsbildern, die etwas außerhalb der gängigen Sparten liegen, gilt: Learning by doing. Die Vertiefung erfolgt in der Praxis. Im Hinblick auf die sonstigen Qualifikationen wird vor allem eine hohe Flexibilität vorausgesetzt. Diese zeigt sich im einzelnen dadurch, daß man in der Lage sein muß, sich Geschehensabläufen zu stellen, die nicht zur erlernbaren täglichen Routine gehören. Man muß außerdem über eine ausgeprägte individuelle Ausdrucksfähigkeit verfügen und auf eine gute Allgemeinbildung zurückgreifen können.
Unabdingbar ist auch eine gute Menschenkenntnis, insbesondere die Fähigkeit, sich in andere - Autoren, Herausgeber, Fachpublikum - hineinzuversetzen. Schließlich noch ein ausgeprägtes Organisationstalent, das es ermöglicht, parallel die verschiedenen Abläufe im Griff zu behalten.«


Wie erfolgte Ihr persönlicher Einstieg in den Beruf?
»Mein Berufseinstieg erfolgte durch eine Blindbewerbung bei NOMOS, natürlich in Kenntnis des Verlagsprogrammes. Praktika bei Verlagen hatte ich nicht gemacht; dies stellt aber eher die Ausnahme dar, Praktika sind unbedingt empfehlenswert. Wer sich für solche interessiert, sollte sich direkt an die Verlage oder an den Börsenverein des deutschen Buchhandels wenden. Der Börsenverein stellt eine gute erste Anlaufstelle dar, da er die meisten deutschen Verlage als Verband betreut und zum Beispiel Lehrgänge und Informationsveranstaltungen für Lektoren anbietet.«

Das gängige Bild des Lektors zeigt diesen meist im stillen Kämmerlein inmitten von Bergen der Fachliteratur, die sämtlichst gelesen und bewertet werden müssen. Worin besteht Ihr »Tagesgeschäft"?
»Die Strukturen der Tätigkeit sind so unterschiedlich wie die Verlage, bei denen der Lektor arbeitet. Tatsächlich stimmt aber vieles aus diesem Klischee mit der Wirklichkeit überein. Natürlich muß der Lektor eine Menge Literatur durcharbeiten, an- oder querlesen; es gibt aber auch das Gespräch mit den Kollegen, das dann in die Entscheidungsfindung darüber, ob etwas gebracht werden soll, mit einfließt.
Manuskripte sind aber nicht alles: Kontakte mit den Herausgebern von wissenschaftlichen Werken wollen hergestellt, Gespräche mit Autoren geführt werden. Wann, in welchem Umfang und in welcher Reihe wird das Werk plaziert? Wie sind die Konditionen? Welche aktuellen Entwicklungen gilt es zu beachten? In diesen Gesprächen kann aber auch die unangenehme Aufgabe gestellt sein, dem Autor mitzuteilen, daß der Verlag an dem Werk kein Interesse hat. Derartige Entscheidungen werden aber häufig nicht durch den Lektor allein gefällt: Geht es um fachliche Fragen, werden durch ihn noch weitere, unabhängige Stellungnahmen über die Arbeit eingeholt.
Einen Teil meines Tagesgeschäfts nimmt auch die Aquisation von Projekten, beispielsweise die Entwicklung neuer Reihen, in Anspruch. Speziell beim NOMOS-Verlag haben Loseblattsammlungen eine lange Tradition; sie müssen dementsprechend betreut und in der Pro- duktion begleitet werden. Schließlich muß der Lektor auch eventuell nötig werdende Neuauflagen initiieren, er muß sich mit der Verlagsleitung abstimmen, mit der Druckerei und den Satzbüros sprechen und am Ende eine Menge Termine vereinbaren und einhalten.
Nehmen Sie dann noch die Bereiche Vertrieb, Werbung - inklusive Prospekterstellung - hinzu, in denen ihre Kompetenz gefragt ist, müssen Sie den Begriff Langeweile schon recht schnell aus ihrem aktiven Wortschatz streichen.
Ein stilles Kämmerlein steht dementsprechend leider nicht zur Verfügung und gehört als Klischee der Vergangenheit an: Telefon und Faxgerät müßten für den Lektor erfunden werden, wenn es sie denn nicht schon gäbe ...«


Welche Entscheidungen trifft der Lektor über die Bücher, deren Aufnahme in das Verlagsprogramm ansteht?
»Der Lektor fällt, häufig in kollegialer Absprache, die Entscheidungen über Aufnahme oder Ablehnung. Hilfestellung geben ihm dabei oftmals die Lehrstühle in seinem Netzwerk aus Kontakten, wenn es um die Absicherung seiner fachlichen Aussagen geht. Handelt es sich beispielsweise um eine Doktorarbeit oder Habilitationsschrift, kann auch ein Telefonat mit dem betreuenden Professor hilfreich sein.
Dies ist der normale Weg; häufig kauft der Verlag aber auch die Katze im Sack, etwa wenn ein bekannter Autor ein Werk anbietet. Dann kann es vorkommen, daß dieses bereits erstellt und die Zusage gegeben ist, wenn der Lektor es in Händen hält. Hierbei kommt es vor allem darauf an, daß der Lektor seine Autoren kennt und weiß, wem er in dieser Situation vertrauen kann; mit der beruflichen Erfahrung wächst dabei auch das Selbstvertrauen, Korrekturen beziehungsweise Gegenvorschläge anzubringen.«


Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Autoren einerseits und der Verlagsleitung andererseits?
»Ohne Autoren geht es nicht. Sie an den Verlag zu binden, die Kontakte zu ihnen zu pflegen, stellt den großen Reiz des Geschäfts dar. Je größer das eigene Interesse an der jeweiligen Materie ist, desto eher kommt man an seine Autoren heran. Dieser Teil der Tätigkeit des Lektors ist gewissermaßen das Salz in der Suppe. Die Intensität, mit der letztlich die Zusammenarbeit erfolgen kann, hängt von den Strukturen der einzelnen Verlage ab und mag bei anderen Verlagen nicht so eng sein wie ich sie hier erlebe. Auf jeden Fall kann auch dabei nur der bestehen und vorwärts kommen, der den Mut hat, sich selbst einzubringen und diese seltene Chance in einer zunehmend ausdifferenzierten Berufswelt zu nutzen. Die Zusammenarbeit mit der Verlagsleitung gestaltet sich bei NOMOS aufgrund der flachen Hierarchie eng, was sich aber nicht so auswirkt, daß der Lektor in vielen Bereichen keine freie Hand hätte.«


Erfordert die Arbeit des Lektors auch eine Auseinandersetzung mit Produkten anderer Verlage?

»Grundsätzlich ist auf dem Markt Raum für mehrere gute Bücher zum selben Thema oder Kommentare zum selben Gesetz. Es ist aber durchaus üblich, daß der Lektor bei Neuprojekten überprüfen muß, ob Konkurrenzprodukte im gleichen Preissegment vorhanden sind oder ob es derartiges schon gibt. Das Ziel soll selbstverständlich immer sein, daß sich das eigene Produkt positiv von den bereits vorhandenen abhebt.«
Wie viele Neuerscheinungen bzw. Neuauflagen durchlaufen jährlich in etwa das Lektorat?
»Das sind im wissenschaftlichen Bereich etwa 200 Werke für die Lektoren, wobei es eine wesentliche Erleichterung darstellt, daß die Werke häufig reihengebunden sind und die Zusammenarbeit mit den Herausgebern die Abläufe erleichtert. Hinzu kommen circa 50-100 Werke der Praxisliteratur, wobei etwa 30 betreute Projekte die meiste Arbeit erfordern. Eigene Lektorate im NOMOS-Verlag betreuen die Zeitschriften, die elektronischen Medien und die Gesetzesdokumentationen.«

Fazit
Der Beruf des Lektors ist eine abwechslungsreiche und vielschichtige Tätigkeit, die neben dem fachlichen Anspruch eine deutliche Portion Eigendynamik von den Bewerbern fordert. Die vielfältigen Kontakte mit Praktikern und Wissenschaftlern erfordern Verhandlungsgeschick und Menschenkenntnis - wer sich für einen lebendigen Beruf interessiert, ohne einen Drang zur Anwaltschaft zu verspüren, hat hier vielfältige Entfaltungsmöglichkeiten.
Natürlich sind die individuellen Möglichkeiten bei den einzelnen Verlagen unterschiedlich strukturiert; deshalb sollte sich der Bewerber in einem Bewerbungsgespräch durchaus auch nach den »Freiheiten« erkundigen.

 

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