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Macht Jura krank? Prüfungsangst im Studium

Sicherlich würden einige - nichtjuristische - Angehörige und Freunde von Jurastudierenden diese Frage ohne Zögern mit "ja" beantworten, auch wenn sie es vielleicht ein bißchen polemisch meinen. Tatsache ist jedoch, daß sich die Examensvorbereitung für viele zu einem gesundheitlichen Alptraum entwickelt. Liegt es am Einzelnen oder doch am Fach?

Esther-Maria Roos sprach darüber mit einem Experten. Wahrscheinlich gibt es kaum Examenskandidaten, die die Vorbereitung zum Staatsexamen ohne seelische und körperliche Blessuren überstehen. Eine Stichprobe im Bekanntenkreis ergab von Schlafstörungen über Magengeschwüre bis zum Hörsturz eine bunte Palette psychosomatischer Erkrankungen und auch die Verfasserin selbst mühte sich während der "heißen Phase" mehrere Monate mit einer Neurodermitis, die nach der mündlichen Prüfung verschwand und nicht mehr auftauchte. Für Ludger Büter, Psychologe bei der Psychosozialen Beratungsstelle der Universität Köln sind solche Berichte wohlvertraut, denn er betreut seit fast 20 Jahren Studierende mit Prüfungsangst. Prüfungsangst ist ganz normal Die Angst vor einer wichtigen Prüfung wie dem Staatsexamen, ist etwas völlig normales, so Büter. Niemand beherrscht sein Wissen hundertprozentig und schon gar nicht unter Druck. Die Grenze zwischen normaler Aufregung und krankmachender Angst verläuft jedoch dort, wo jemand keine Kontrolle mehr über seine Angst hat. Charakteristik aller Prüfungsängstlichen ist ein ungenügendes Leistungsvertrauen in sich selbst. Dabei trifft das nicht primär auf Personen zu, bei denen es objektiv gesehen zweifelhaft sein mag, ob sie das Examen bestehen werden. Viele von Büters Klienten haben überdurchschnittliche Studienleistungen erbracht. Diese Menschen betrachten ihre Erfolge jedoch nicht als Ergebnis persönlicher, zuverlässiger Leistungsfähigkeit, sondern als reinen Zufall. Bei jeder neuen Leistungsanforderung müssen sie sich aufs Neue beweisen, daß sie doch nicht so schlecht sind, wie sie sich insgeheim halten und selbstverständlich werden gelegentliche Misserfolge als Bestätigung nicht ausreichender Arbeit und mangelnder Begabung angesehen. Des weiteren gibt es zwei Typen des Prüfungsängstlichen: Den Verzögerer, der sich nach 20 Semestern immer noch beim nächsten Mal anmelden will und den "Pusher", der wild auf sein Ziel zuarbeitet und ihm in Wirklichkeit ebensowenig ins Auge sehen will. Natürlich ist Prüfungsangst kein reines "Juristen-Problem", dennoch gibt es verschiedene Faktoren, die durchaus dazu beitragen, daß gerade Jurastudenten für extreme Angstzustände besonders anfällig sein können.

Eine wichtige Rolle spielt die soziale Herkunft angehender Juristen. "Viele Jurastudenten stammen aus - nennen wir es mal so - arrivierten Elternhäusern", berichtet Ludger Büter, "oftmals sind sogar die Eltern selbst Juristen. Auf den Kindern lastet dann die tatsächliche oder vermeintliche Erwartung, auch "gut" sein zu müssen. Diese jungen Leute bringen viel Ehrgeiz mit, aber der Druck, dem sie sich dann selbst aussetzen, macht sie krank". Ein weiterer Punkt liegt auch in der Organisation des Jurastudiums, das im Vergleich zu anderen Fächern die Studierenden bis zum ersten Staatsexamen keiner ernstzunehmenden Prüfungssituation aussetzt. Dies führt dazu, daß viele Studierende bis zur Examensvorbereitung nicht gelernt haben, zu lernen. "Da wird mit viel Kraftaufwand in vier Wochen eine Hausarbeit gestemmt und das Kurzzeitgedächtnis für die nächste Klausur gefüttert", erzählt Büter schmunzelnd (die Verfasserin erkennt sich dabei durchaus wieder). Ist die Hürde dann genommen, verschwinden Arbeitseifer und Bücher in der Versenkung - bis zum nächsten Schein. Auf diese Weise können wohl kurzfristig sogar ordentliche Ergebnisse erzielt werden, aber eine Lernroutine und einen soliden Wissensgrundstock kann man sich so nicht erarbeiten.

Die Examensvorbereitung wird dann dadurch belastet, daß man nicht wiederholt und vertieft, sondern in Wirklichkeit bei null anfängt. Das ist nicht nur frustrierend, es verlängert auch die Vorbereitungsphase erheblich. Wer dabei unter Zeitdruck steht, evtl. aufgrund eines notwendigen Nebenjobs oder des Freischusses, der hat schlechte Karten. Ohnehin sieht Büter im Freischuß ein gewisses Risiko."Der Freischuß ist nur etwas für "Spielernaturen", sagt er etwas provozierend. "Dieses Angebot darf nur wahrnehmen, wer sich bewußt ist, daß es schiefgehen kann und daß das dann nicht schlimm ist". Da das Studium keine Zwischenprüfung bietet, an der man beobachten kann, wie man sein Können unter Zeitdruck optimal präsentiert, kann man den Freischuß als "Probelauf" nutzen. Besteht man ihn dann nicht, muß eine gründliche und selbstkritische Fehleranalyse erfolgen und anschließend ein neuer Anlauf. Für Personen, für die ein Scheitern jedoch unter keinen Umständen vorstellbar ist, wirkt sich der Freischuß oft verheerend aus. Bestehen sie die Prüfung nicht, verlieren sie den Mut für jeden neuen Versuch. Eine weitere Besonderheit des Studiums liegt auch in der Verunsicherung der Studierenden hinsichtlich des Stoffes. In keinem anderen Studiengang wird so wenig auf die Vermittlungsqualitäten des Lehrkörpers vertraut, wie bei den Juristen. Der Besuch beim Repetitor ist sogar für diejenigen selbstverständlich, die von alleine genug Energie und Disziplin zum regelmäßigen Lernen aufbringen. Hinzukommt, daß sich keine Stoffmengen "abprüfen" lassen, wie beispielsweise bei den Medizinern im Physikum. Lustlosigkeit ist kein Argument Problematische Klienten sind gerade Studierende, die sich rühmen, ein hervorragendes Abitur ohne Anstrengung gemacht zu haben. Nach Büters Erfahrung haben diese Menschen nicht gelernt, sich für ihren Erfolg auch mal zu plagen.

"Ein guter Abiturient ist an der Uni nur noch ein guter Schüler unter guten Schülern. Nichts weiter. Wer sich vor dem Examen immer noch auf sein Abitur beruft, hat oft sonst nicht viel zu bieten." Studium und Examen übersteht man nicht allein aufgrund intellektueller Fähigkeiten. Es kommt auch auf seelische Komponenten wie Belastbarkeit, Konzentration und Motivation an - und gerade die Motivation ist eine heikle Sache. Wer die Begeisterung am Fach verloren - oder nie gefunden - hat, muss sich ernsthaft fragen, ob er das Examen überhaupt noch machen will. Eine ehrliche Antwort ist dann unbedingt notwendig, denn Vernunftgründe oder mittelfristige Perspektiven müssen stark genug sein, als Sekundärmotivation zu taugen. Entscheidet man sich dafür, gibt es keine Ausreden mehr. "Keine Lust zum Lernen ist kein Argument", sagt Büter, "die Lust müssen Sie vorher abklären, sonst überstehen Sie Durststrecken und Rückschläge nicht". In wieweit man sich vor Prüfungsangst "schützen" kann, läßt sich nicht allgemeinverbindlich sagen, denn die Ursachen sind sehr persönlichkeitsabhängig. Eine wichtige Vorbeugungsmaßnahme ist das kontinuierliche Studieren und die Fachdiskussion von Anfang an. Nur so kann man mit verschiedenen Lernmethoden experimentieren und in Ruhe den für sich optimalen Weg finden. Außerdem sollte man sich einen persönlichen Eindruck über die Prüfungsumstände verschaffen, um keine Angst vor Phantomen zu bekommen. In der Regel sind weder die Klausuren unlösbar noch die mündlichen Prüfer eine Bande hinterhältiger und herzloser Inquisitoren. Das Schreiben von Übungsklausuren sowie der Besuch einer mündlichen Prüfung ist an allen Universitäten möglich und sehr hilfreich. Wer dennoch die Befürchtung hat, nicht ausreichend gelassen durchs Examen zu kommen, sollte sich nicht schämen, möglichst frühzeitig Hilfe von außen in Anspruch nehmen. Drei Wochen vor dem Examen hilft wirklich nur noch das Beruhigungsmittel vom Arzt, aber für eine sinnvolle Aufarbeitung des Problems ist es dann zu spät. Always look on the bright side of life! Eine Sache liegt Ludger Büter besonders am Herzen: "Sie müssen sich freuen können!" Viele Examenskandidaten beharren geradezu darauf, erst nach dem Examen das Leben wieder genießen zu dürfen. "Sie halten quasi die Luft an und verrecken dann buchstäblich unterwegs". Deshalb erarbeitet er mit seinen Klienten nicht nur einen Arbeitsplan, sondern fordert sie auf, sich über jeden geschafften Abschnitt zu freuen und zu belohnen. Die Belohnung kann durchaus etwas sein, daß man ohnehin täte, doch in Verbindung mit der erledigten Arbeit bekommt man ein freieres Gefühl. Das schließt auch soziale Kontakte mit ein, denn manchmal leiden die Angehörigen und Freunde mindestens so stark wie die Betroffenen. Die Freude über das Examen wird dadurch nicht kleiner. Im Gegenteil. "Glauben Sie mir, Freude kann man nicht aufsparen!" Info Psychosoziale Beratungsstellen gibt es an jeder Universität. Oftmals bieten sie auch zum Semesterbeginn Kurse über Lern- und Entspannungstechniken an oder haben feste Gesprächskreise für Studierende mit Prüfungsangst.

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